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Schule in Chheskam "und sie tanzten mir auf der Nase rum"

Wir wollten diesem Land etwas zurück geben und uns in Nepal auch sozial engagieren. Wir wissen aber auch, dass wir nicht unendlich viel Zeit haben, alleine schon wegen unserer Visa. Aber Adhish meinte, dass auch nur zwei oder drei Wochen ausreichend seien.

 

Er hatte direkt die Idee, dass wir in die Schule gehen können und den Kindern englisch beibringen, da sich Nepalesen oft mit der Aussprache schwer tun. Er steht im besonderen Kontakt zu allen Schulen in Chheskam, zum einen, weil er selber Schüler war und zum anderen, weil er sich sehr für die Schulen engagiert und stetig Spenden sammelt und Unterstützer sucht, um mehr Lehrer zu beschäftigen und Ausstattung kaufen zu können.
Bei genauerem Umschauen wird nämlich deutlich, dass fast jede Schule oder besser eigentlich jede soziale Einrichtung hier vor Ort Unterstützung aus dem Ausland erhält. Amerikanische Vereine bauen neue Schulen, deutsche Investoren und Vereine unterstützen die Krankenstation und ganz viele private Menschen unterstützen die Schulen vor Ort. 

Hier sind mal einige Bilder von Personen, welche die Secondary Schule in Chheskam finanziell unterstützen.

 

 

Wir können die Schulen noch nicht mit Geld unterstützen, aber langfristig und in Zukunft möchten wir das. Aber was wir aktuell beisteuern können ist unser Wissen. Und das wollen wir so gut es geht versuchen hier den Kindern zu vermitteln.

Bei unserer Ankunft in Chheskam und schon Tage davor, erzählte uns Adhish, dass es einen Empfang in der Schule geben würde. Tee und Kekse und bisschen Tanzen sagte er.
Was genau damit gemeint war, wussten wir nicht. Aber wie immer hatten wir keine Erwartungen.

Dann waren wir in Cheskam und wir machten uns das erste Mal auf den Weg zu Schule.
Es ging über Steine, Bäche und  Felder zwischen vielen Häusern her, jeder wird begrüßt und jeder grüßt. Wenn ich jeden Tag so einen Schulweg früher gehabt hätte…idyllisch.

 

 

Und dann sagt Adhish irgendwann, schaut da hinten ist die Schule. Am Horizont vielleicht 500m entfernt sehen wir etwas größere Häuser zusammenstehend, ein L bildend, am Fuße eines Berges, ohne weitere Bauten drum herum, mit einem großen flachen Schulhof etwas unterhalb.
Bei genauerem Hinsehen und näherem drauf zu gehen sehen wir, dass Schüler auf dem Schulhof stehen. Zunächst nichts Besonderes, denke ich. Und dann wird deutlich, es sind wahnsinnig viele Schüler. Der ganze Schulhof ist gefüllt. Alle Schüler haben sich versammelt, stehen in Reihe und Glied nach Klassen wohl geordnet. Wir fragen Adhish, wie viele es denn sind und er sagt, 845 Schüler gehen auf diese Schule. Wow…und alle haben sich versammelt, wir sind beeindruckt. Aus einem Megaphon schallt eine Stimme in Kulung über den ganzen Platz, die Anweisungen oder etwas verkünden zu scheint, wir verstehen kein Wort. 

Und wir kommen immer näher und irgendwie kündigt sich mit jedem Schritt den wir näher auf den Hof zu machen etwas mehr Aufregung an. Dann werden wir entdeckt, die ersten Köpfe drehen sich und Blicke werden deutlich und immer mehr Augen richten sich nach uns und treffen unsere Blicke. Es werden immer mehr, und mehr, mit jedem Meter, den wir näher wir kommen. Mein Herz klopft bis zum Hals, meine Hände fangen ganz leicht an zu schwitzen und ich merke wie ich innerlich leicht zittere. Es sind so viele Emotionen, die mich gerade durchströmen und mehr und mehr werden. Das haben wir nicht erwartet. Nicht, dass die gesamte Schule versammelt ist und uns ankommen sehen. Nicht, dass es 845 Schüler sind. Sie sehen von Weitem, wir sind die Fremden, die Europäer. Über das Megaphon werden wir angekündigt und sie erzählen woher wir kommen, was wir machen werden, einige Wörter wie „Germany“ kann man verstehen. Und wir gehen weiter. Wir betreten den Schulhof, jetzt sind fast 845 Augenpaare auf uns gerichtet. Noch nie im ganzen Leben haben mich so viele Menschen auf einmal angeschaut, noch nie stand ich so im Mittelpunkt. Es sind so viele Augen, leuchtende Kinderaugen, voller Neugierde, manche skeptisch, manche sehr cool, aber die meisten Kinder lächeln oder strahlen, insbesondere die kleinen. Dieser Moment, diese Atmosphäre hat etwas unglaublich Spannendes, irgendwie voller Erwartungen aber irgendwie auch nicht. Auch die Schüler wirkten teilweise erwartungsvoll oder aufgeregt, ich weiß es nicht? Wir gehen an allen Schülern vorbei, vor der Schule, die etwas erhöht liegt, ist ein Tisch mit Stühlen aufgebaut, zu dem müssen wir. Dabei merkten wir, wie die 845 Augenpaare uns verfolgen. Ich muss ehrlich mit dem Tränen kämpfen. Ich habe einen unglaublich dicken Klos im Hals. So ganz weiß ich nicht warum, bis heute nicht. Immer noch, wenn ich an den Moment zurückdenke, als wir an den Schülern vorbei gehen und sie uns anblicken, diese Neugierde, dieses Interesse und dass ich hier sein kann, dass wir so etwas Besonderes sind. Ich bin doch nur eine kleine Person, die sich auf den Weg in die Welt gemacht und hier einfach mal ‚Hallo‘ sagen wollte, etwas Englisch vermitteln wollte, nicht nur in den Touri Orten sein wollte, das wirkliche Leben der Nepali mal sehen. Aber das fühlt sich gerade nicht wirklich an. 

Endlich erreichen wir die Stühle und den Tisch und sollen uns setzten. Aber wir sitzen über den Schulhof, den Blick über alle den gesamten Schulhof und immer noch alle Blicke auf uns gerichtet. Man fühlt sich leicht beobachtet aber nur ganz, ganz leicht. Das schlimmste wäre wohl, wenn man jetzt irgendeinen peinlichen Fehler machen würde und für die nächsten Wochen wären wir nicht nur die bekannten Ausländer sondern auch noch die trottligen Ausländer. Also während diese ganze Aufmerksamkeit auf uns lastet versuchen wir uns so ruhig, unauffällig (wenn das überhaupt irgendwie möglich gewesen wäre) zu verhalten und lächeln schön in die große Runde.

Als wir so da oben sitzen, sehen wir, jeder Schüler hat etwas in der Hand. Blumen oder ein Tuch. Kurz nachdem wir sitzen geht es los. Alle Schüler kommen die Steintreppe zu den Stühlen hoch, hängen Adhish, Richi und mir eine Blumenkette, ein buddhistisches Begrüßungstuch um oder geben uns Blumen in die Hand. Wirklich jedes Kind geht an uns vorbei und begrüßt uns. 845 Schüler der Reihe nach passieren unsere Stühle und geben etwas ab. Da rollt bei mir heimlich die ein oder andere Träne runter. So eine schöne Tradition und Begrüßung. Niemals erwartet, niemals geglaubt. Mir fehlen die Worte.

Irgendwann sind es so viele Tücher und Blumen, dass wir nichts mehr sehen können und sie müssen uns zwischendurch abgenommen werden, das machen die Lehrer von hinten. Aber nicht lange und schon wieder wird die Sicht immer enger, da sich immer mehr Schüler vor uns tümmeln und etwas abgeben. Viele sind schüchtern und lachen und sagen verlegen „Namaste“.

 

Ich muss auch zwischendrin laut lachen, es ist so ein einmaliger und irgendwie so unwirklicher Moment und ich versuche jedes Kind in die Augen zu sehen und mich ehrlich zu bedanken aber sie sind teilweise so schnell da und wieder weg und irgendwie herrscht auch eine kleine Hektik, da alle in kürzester Zeit die Treppe hoch kommen und möglichst schnell ihre Sachen abgeben möchten, sodass es nicht immer möglich ist. 

Danach bildet ein Großteil der Schüler einen großen Halbkreis vor uns auf dem Schulhof und es werden noch einige Tänze aufgeführt. Dabei dürfen wir Tee und Kekse genießen.

 

Nach diesem feierlichen Empfang geht es in das Büro des Direktors. Wir sollen dort warten. Was uns dort erwartet oder generell heute, kann uns zunächst keiner sagen. Es heißt sie müssen mal die Orga durchsprechen. Sehr verständlich, denn wir müssen ja wissen wann welche Klassen Zeit haben und wie wir sie am besten unterrichten. So denken wir. 

Nach 20 oder 30 Minuten kommen Adhish und der Direktor rein, drücken uns jeweils einen Whiteboard Marker in die Hand und sagen, dass jetzt eine zweite Klasse und eine siebte eine Freistunde haben und wir uns direkt mal aufteilen sollen.
Total überrumpelt und absolut überrascht teilen wir uns irgendwie auf. Richi geht mit Adhish und dem Direktor zur siebten Klasse und ich kurz darauf mit dem Direktor in die zweite. 

Die zweite Klasse besteht aus ca. 30-40 Schülern, im Alter von sieben oder acht Jahren, die in einem kleinen, sehr einfachen Raum umherrennen. Der Raum ist recht karg, ehemals weiße Wände, 4 einfache Holzbänke und quadratische Holztische, an denen bis zu 10 Kinder eng beieinandersitzen können. Ein kleines Whiteboard, das als Tafel dient, hängt an der Wand, sie hat schon sämtliche Farbtöne angenommen, da die Farbe der Marker nicht komplett weggehen, als Schwamm dient ein grobfaseriger selbstgehäkelter Lappen, der schon ganz dunkel ist von den Marker-Farben und der unmittelbar die Hände blau oder schwarz färbt, sobald man diesen anfasst. An den anderen Wänden hängen selbst gemalte Plakate, die von der Feuchtigkeit oder den allgemeinen Wetterbedingungen und ständigen Gebrauch zerknittert sind, Risse haben, teilweise unerkennbare Schrift.

Der Direktor stellt mich also kurz auf Kulung vor, drückt mir von einem der Schüler das Englischbuch in die Hand und sagt, ja so jetzt kannst du mal beginnen. Ich schaue ihn mit großen Augen an und frage ihn mit verunsicherter Stimme, was sie denn können, wie lange sie schon Englisch haben. Er sagt darauf hin „was und wie du machst, das hängt von deiner Technik ab“. Aber er habe jetzt auch keine Zeit mehr, er müsse gehen.

Oookay, denke ich mir. Und stehe alleine vor 40 Schülern und Schülerinnen, habe gar keinen Plan was sie können oder wie ich hier gerade anfangen soll zumal sie einfach nichts verstehen. Aber was soll's denke ich, fast verzweifelt und absolut verunsichert, dafür bist du ja da, Englisch beibringen.
Also stelle ich mich vor. Schreiben meinen Namen an die Tafel. Sage in einfachen Sätzen, woher ich komme.
Und um irgendwie in Kommunikation zu treten stelle ich mal ein paar Fragen, wie heißt ihr, wie alt seid ihr?

Darauf gucken mich 80 große Augen, einige tuscheln, einige lachen, ein kleiner Junge mit total verrotzter Nase in der ersten Reihe lacht zu seinem Sitznachbarn und sagt etwas auf Kulung. Es kommt keine Antwort. Ein Mädchen in der hinteren Ecke scheint meine Frage verstanden zu haben und sagt leise „eight“. Aber alles andere ist sehr schwierig. Der Blick ins Buch sagt eigentlich, dass sie das schon easy können sollten. Warum gibt es aber dann keine Antwort?
Ich kann auch nur Englisch, alles anderen spreche ich nicht oder sie verstehen es nicht. Ich beginne fast zu verzweifeln. Irgendwie hangele ich mich durch die Stunde mit dem Alphabet laut aufsagen, zählen. Ich packe meine äußert begabte Seite im Zeichnen aus und male Tiere und Obst und Gemüse an die Tafel in der Hoffnung, wir können etwas Vokabeln üben.
Und wie im Film oder im wahren leben müssen die Schüler natürlich die Lehrerin testen und müssen ganz plötzlich alle auf Toilette. Ich versuche lieb und nett zu sein, ich will ja die coole ausländische junge Lehrerin sein. Doch ich merke auch sie veräppeln mich, ganz klar. Einige dürfen, dann wird es mir zu bunt. Aber dennoch, es wird immer lauter. Ich fühle mich echt wie in meine Realschulzeit zurück versetzt, nur dass ich nicht hinter der Schulbank sitze und dem Treiben zu sehen kann, sondern jetzt bin ich meine überforderte und nervöse Geschichtslehrerin, die die Massen an dreisten, kleinen, frechen Kindern nicht zu bändigen weiß.
Dann kommt ein Lehrer rein, schreit alle Kinder ordentlich zusammen und geht wieder.
Die Kids sind für genau 5 Minuten ruhig, dann steigt der Lärmpegel rapide. Ich versuche es nochmal auf die liebe Weise, keine Chance. Also zeige ich ihnen, dass auch ich laut sein kann, lauter als alle zusammen. Und es wirkt. Sie schauen mich kurz erschrocken an und wir kriegen eine annehmbare Lautstärke hin. Ich hoffe aber so sehr auf das Klingeln oder was auch immer was für ein Zeichen bitte bald kommen mag, dass die Stunde rum ist. Ich weiß irgendwann nicht mehr was ich machen soll. Irgendwann sagt mein Zeitgefühl, dass die Stunde schon viel, viel länger als 45 Minuten geht und werfe eine Blick nach draußen. Ich sehe Adhish von Weitem und bitte ihn um Hilfe. Er lacht und sagt, die Stunde ist schon längst rum, ob ich die Klingel nicht gehört habe?! Nein natürlich nicht. Ich komme mir so selten dämlich vor…

Ich atme erleichtert auf, beende die Stunde, packe schnell meine Sachen zusammen und hoffe, dass dieser Alptraum nun ein Ende hat. Aber zu früh gefreut, es geht direkt weiter. Zwar sind die folgenden Klassen älter aber sie verstehen mich gefühlt genauso wenig wie die Zweitklässler. Manchmal kommt Adhish für ein paar Minuten dazu und übersetzt aber ist auch schnell wieder weg.

 

Endlich ist irgendwann die Schule rum oder es gibt keine freien Klassen mehr. Ich treffe auf Richi und zu meiner Erleichterung fiel es ihm auch nicht viel leichter sich mit den Schülern zu verständigen oder richtig zu wissen, was wer so spontan 45 Minuten lang machen soll. 

Ich bin wirklich frustriert so schnell einsteigen zu müssen, ohne Plan von nichts zu haben, fast bloßgestellt zu sein und allein gelassen. Das habe ich nicht erwartet, das hat irgendwie keinen richtigen Sinn und verfehlt die Effektivität. So ganz haben wir nicht verstanden wie sich die anderen das vorstellen, wie wir aus dem Nichts Unterricht machen können. Zumal wir keine ausgelernte Lehrer sind oder so sicher in der Grammatik, dass wir das erklären könnten. Aber wir müssen lernen, das ist Nepal oder die Nepalesen. Nicht alles bzw. wenig wird so durchdacht, dass es im Endeffekt klappt oder Sinn hat. Spontanität ist alles und Gut Ding hat Weile. 


Problematisch an dem Unterrichten ist neben den großen kommunikativen Schwierigkeiten die Art und Weise hier zu lernen. Vokabeln abfragen, Zahlenreihen aufsagen, einfachste Aufgaben, die bereits gekannt oder geübt worden sind, sind kein Problem. Doch Aufgabenstellungen auf Englisch zu verstehen, einfachste Phrasen zu äußern oder zu beantworten. Keine Chance. Sie lernen anders und auch Englisch wird wohl meist auf Kulung erklärt.
Dann viele unmotivierte und super scheue und schüchterne Kinder, die selbst bei ganz direkter Ansprache einfach weggucken, die lachen und keinen weiteren Mucks von sich geben. Das Unterrichten ist sehr mühsam und wir kommen schnell an unsere Grenzen der Fähigkeiten und Ideen hier etwas rauszuholen.

 

Doch es bildet sich schnell am nächsten Tag eine Klasse, die nach dem eigentlichen Unterricht noch freiwillig bleiben und von uns Englisch lernen wollen von 16-17 Uhr. Sie gehen in die neunte oder zehnte Klasse. Auch hier ist der Großteil sehr schüchtern, doch ein oder zwei sind richtig gut und mutig und machen einen Unterricht und etwas Üben möglich. Wir kommen allmählich rein, kriegen auch Vorbereitungszeit und auch durch mehrfaches Nachfragen die Lehrbücher um uns zu Hause vorzubereiten.
So fängt es auch uns an Spaß zu machen und können die Zeit sinnvoll nutzen. 

 

 

Leider müssen wir wesentlich früher wieder nach Kathmandu, außerdem nehmen uns ein paar Feiertage und ein großes Volleyball Event zusätzlich ein paar Unterrichtstage. Aber die, die verbleiben machen Spaß und wir hoffen, dass wir ein bisschen vermitteln konnten, wie wichtig Englisch in der heutigen Zeit ist, zumal das Dorf nun eine Straße hat und der Tourismus nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt und auch für alle andere Berufe außerhalb des Dorfes, Englisch irgendwann ein Muss wird. 

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